Augenzeugenbericht vom Krieg, den letzten Kriegstagen und der Nachkriegszeit

 

Während in den letzten Kriegsjahren der Bombenkrieg zunehmend im Heimatgebiet tobte und teilweise ganze Städte in Grund und Boden gebombt wurden (z.B. Köln, Dresden), blieben kleinere Dörfer weitgehend verschont. Allerdings wurde auch Herbern, wenn auch eher zufällig, zum Ziel eines Bombenteppichs, obwohl die Verluste eher gering waren:

 

 

Bombenangriff auf Herbern

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Kleines Denkmal erinnert an Bombenabwürfe auf Herbern

 

Herbern (HR) - Mittwoch, 23. März 1944: An je­nem wunderschönen Frühlingstag vor 55 Jahren werden rund 200 Bomben südöstlich von Herbern geworfen. Dabei hatten die Herberner noch Glück im Unglück. Getroffen wurden die Bockumer Straße, die Werner Straße und die dahinterliegenden Felder sowie der „Witte Buschk". Der Ortskern selbst blieb verschont.

 

Die Flugzeuge der Alliierten, die in den ersten Kriegsjahren nur nachts die Städte bom­bardierten, beherrschen jetzt auch tagsüber den Luftraum und fliegen bei gutem Wetter täglich ihre Angriffe auf Städ­te und Orte in Deutschland. So auch an jenem Mittwoch: Mehrere Bomberverbände flogen einen Angriff auf die Stadt Hamm und den dortigen Verschiebebahnhof, der für den deutschen Rüstungsnaschschub unentbehrlich war. Sie wurden aber von starkem Flakfeuer abgedrängt und warfen deshalb ihre Bomnen auf kleinere Orte ab.

Nur wenige Minuten nach Herbern wurde Drensteinfurt bombardiert. Dort fielen rund 440 Bomben, 63 Menschen wurden getötet, mehr als 200 Menschen schwer verletzt und zum Teil in den Trümmern verschüttet. 550 Drensteinfurter wurden an diesem Tag obdachlos.

 

Flucht in Bunker

 

Die Fliegerangriffe kamen an diesem Tag sehr plötzlich. Nach dem Voralarm heulten die Sirenen Vollalarm. Das bedeutete, dass die Herberner Schulkinder, die in der Nähe der Schule wohnten, auch nicht mehr nach Hause laufen konnten, um hier die Kellerschutzräume oder die kleinen selbstgebauten Erdbunker aufzusuchen. Untergebracht wurden die Schulkinder der früheren Mädchenschule in dem Erdbunker nahe der Rulle, dem heutigen Schulplatz der Theodor-Fontane-Hauptschule. Die Kinder der oberen Klassen wurden in dem westlichen Flügel der im Krieg noch freistehenden Gebäude

der heutigen Grundschule un­tergebracht.

Eine Brandwache aus vier Jungen der achten Klasse be­obachtete die Bomberverbän­de, die in Pulks  - gesichert durch Jäger  -  in  Richtung , Hamm flogen. Durch das starke Flakfeuer wurden sie sichtlich behindert. Die Jungen konnten beobachten, dass ei­ner der Bomberverbände ein weißes Rauchzeichen setzte; dies war das Signal zum An­griff, die Bombenschächte der Flugzeuge öffneten sich, und die Jungen sahen die blin­kenden Bomben aus den vier­motorigen Flugzeugen fallen. Schnell rannten sie die Stufen zum Luftschutzkeller hinun­ter.

 

Tiefe Löcher

 

Als der Keller, der sich noch zum Teil über der Erdober­fläche befand unter den Druckwellen bebte, beteten die Kinder laut: „Heilige Ma­ria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder". - Dann kehrte eine unheimliche Stille ein. Eine damalige Lehrerin, die der Kirche den Rücken gekehrt hatte und den Nazis ergeben war, betete in ihrer Not laut mit.

 

Wie überall im Dorf saßen auch die Bewohner der Bockumer Straße in einem Erd­bunker, als hier die Bomben einschlugen. Knapp fünf Meter hinter dem Bunker, den man scherzhaft „Kasimir" ge­nannt hatte, schlugen drei Bomben ein und rissen ge­waltige Krater. Das nächstliegende Haus Schrilz wurde vollständig zerstört. Aber auch an den Häusern Sen­dermann an der Bockumer Str. und den Häusern Söste und Gröne  entstand er­heblicher Sachschaden. Eini­ge Bomben fielen auch auf die B 54. Wie durch ein Wun­der blieben die kleinen Kin­der Anita Sendermann und Hanni Havers von der Bockumer Straße, die sich vom Kindergarten auf dem Heim­weg befanden, innerhalb des Bombenteppichs unverletzt. Da auch alle Insassen des Erd­bunkers bei dem Angriff wie durch ein Wunder unverletzt blieben, gelobten sie, aus Dank der heiligen Elisabeth ein Denkmal zu errichten.

Sofort nach dem Kriege lösten die Anwohner der Bockumer Straße ihr Versprechen ein. Sie setzten das Denkmal, das heute noch gepflegt wird, genau an die Stelle, an der sich zuvor der Erdbunker befunden hatte. Der Sockel des Stand-Bildes wurde aus Steinresten des Bunkerstol­lens errichtet. Die zusam­mengetragenen Bombensplit­ter und Zünder wurden in das Gemäuer eingelassen; sie sind somit stumme Zeugen einer grausamen Vergangenheit geworden.

 

Denkmal-Weihe

 

Die Elisabeth-Statue aus Na­tursandstein wurde vom Ka­puzinerkloster in Münster ge­stiftet. Die Weihe des Denk­mals nahm der damalige Pfar­rer Heinrich Bayer vor. Die Ansprache hielt Kapuziner-Pater Wigert, der einen zwei­einhalbjährigen Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau überlebt hatte. Pfarrer Achtermann schrieb damals für die Erinnerungstafel des Standbildes folgenden Spruch: „Bomben, Schreckenszeit, Jammer weit und breit. Seht, hier diese Splitter reden ernst und bitter von Vergänglichkeit. Denkt an Dankbarkeit, spricht von die­ser Stätte St. Elisabeth.

Quelle: (RN Nr. 73 v. 27. März 1999, Verfasser: Heinz Rogge)

 

Um sich die schwierige Lage der Bevölkerung in den letzten Kriegstagen und nach dem Kriege besser vorstellen zu können, hier eine Schilderung der Verhältnisse aus Sicht eines Augenzeugen (Heinz Rogge):

 

 

Kriegsende in Herbern

 

In der Nacht vom 30. zum 31. März 1945 wurde Herbern von den Amerikanern besetzt. Der 2. Weltkrieg war damit praktisch für das Dorf Herbern aus. Doch wie für viele Städte und Orte war es auch in unserem Dorf nicht ohne Tod, Zerstörung, Brand und Schrecken geblieben.

Gründonnerstag 1945

Die gesamte Bevölkerung von Herbern befand sich in Aufregung. Mit jeder Stunde konnte der Amerikaner kommen. Die Strassen von Herbern, besonders die Werner Strasse, Rankenstrasse, Bernhard Strasse und Merschstraße waren vollgestopft mit zurückziehenden deutschen Soldaten, mit Kriegsgefangenen, mit ausländischen Zivilarbeitern und deutschen Flüchtlingen aus dem Kampfgebiet. Die Gefangenen und ausländischen Zivilarbeiter, unter ihnen auch viele Frauen mit kleinen Kindern, in der Hauptsache Polen und Russen, wurden wie eine Viehherde von SS-Soldaten bewacht und durch die Strassen getrieben. Sie sollten dem Feind, der immer näher rückte, nicht in die Hände fallen. Man sah in diesen Tagen grauenhafte Bilder. Ausgehungerte, in Lumpen gehüllte Menschen, oft mit kleinen Kindern auf dem Arm, die manchmal nur wenige Tage oder Wochen alt waren. Wollten die Herberner Bürger diesen Menschen helfen, indem man ihnen ein Stück Brot oder ein Kleidungsstück geben wollte, so wurde dieses noch von den unmenschlichen SS-Leuten zu verhindern versucht. Viele von ihnen haben die Heimat sicherlich nie wieder gesehen. Aber auch den deutschen Soldaten ging es nicht gut. Sie mussten ihre Fahrzeuge zum Teil stehen lassen, da das Benzin ausgegangen war. Auch sie hatten kaum noch etwas zu essen.

Aber auch der noch schnell zusammengewürfelte Volkssturm, zusammengestellt aus Greisen und Kindern, die als Kennzeichen eine Armbinde mit der Bezeichnung „Volkssturm" trugen, waren zum Teil mit einer Panzerfaust oder aber nur mit einem Kleinkalibergewehr ausgestattet, um Panzer zu knacken. Die Gebrauchsanweisung für die Bedienung der Panzerfaust wurde jeden Tag mit Bildern illustriert in der Tageszeitung abgedruckt.

Viele Männer des Volkssturms und auch viele Parteigenossen, auch in Herbern, waren verbohrt und glaubten zu dieser Zeit, wo man den Kanonendonner schon deutlich hörte, noch immer an die Geheimwaffe des Führers Adolf Hitler.

Ebenfalls am Gründonnerstag, zwei Tage vor der Besetzung, habe ich, Heinz Rogge, zusammen mit Walter Aschwer das hl. Öl und die Salbe für die letzte Ölung von Sendenhorst geholt. Wir mussten nach Sendenhorst fahren, weil der als „Löwe von Münster" bezeichnete Bischof von Galen in Münster ausgebombt war und nun in den Räumen des Krankenhauses in Sendenhorst untergebracht war. Die Sache war nicht ganz ungefährlich, da immer wieder Tiefflieger alle beweglichen Ziele auf den Strassen angriffen und keiner wusste, wie weit der Amerikaner war. Münster sollte schon besetzt sein, hieß es. Genaueres wusste aber keiner. Man hörte den Donner der Geschütze und auch einzelne Gewehrschüsse. Die Front war nicht mehr weit. Die Fahrt mit dem Fahrrad verlief mit dem Segen des damaligen Herberner Pfarrers Heinrich Bayer gut. In Sendenhorst ließ der Bischof den tapferen Jungen aus Herbern seinen Segen übermitteln. Die Männer des Kirchenvorstandes, die sonst das hl. Öl und die Salbe holten, hatten keinen Mut mehr gehabt, nach Sendenhorst zu fahren, wohl aber die beiden Messdiener.

Der Gründonnerstag 1945 hatte aber noch mehr Überraschungen bereit. Als die beiden Jungen zurückkehrten, hieß es, dass die knapp fünfzehnjährigen Jungen eingezogen werden sollten. Karl Spetsmann [es handelt sich hier wohl um den Sohn des späteren Bürgermeisters Spetsmann, der durchaus kein Nazi war, wohl aber dort beschäftigt war, um „seine Haut zu retten“; d. Hrsg.],  der am Bann [Organisationsform der HJ (Hitler-Jugend); d. Hrsg.] in Lüdinghausen beschäftigt war, brachte die Einberufungen mit. Er und die Jungen der Rankenstrasse versteckten sich in den Wäldern in der Bauernschaft Forsthövel. Abends traute man sich wieder nach Hause. Als wir den feindlichen Sender hörten, - dieses war natürlich strengstens verboten und wurde mit KZ oder Erschießen bestraft - hörten wir, dass die ersten feindlichen Truppen Ascheberg erreicht hatten. Wie auch andere Familien haben wir am Gründonnerstag-Abend einen großen Holzkoffer in der Nähe eines großen Winterbirnenbaumes im Garten mit für uns wertvollen Gegenständen, darunter auch zwei Schinken, vergraben.

Die Fahrräder, die man schon vor Wochen unter dem Stroh versteckt hatte, man sollte sie als Verkehrsmittel für die Soldaten zum Endsieg zur Verfügung stellen, wurden wieder hervorgeholt und für eine evtl. Flucht wieder flottgemacht. Auch die Rucksäcke wurden gepackt, man musste ja mit allem rechnen.

Auch am Freitag zogen noch immer Soldaten durch Herbern. Einige von ihnen sagten, dass der Feind wegen der vielen gesprengten Brücken nicht vorwärts käme. Von Ferne hörte man schon seit Tagen den Donner der Geschütze. Am Karfreitag konnte man auch deutlich Gewehr- und Maschinengewehrfeuer hören. Am Karfreitagabend kamen die letzten deutschen Soldaten durch das Dorf. Diese sagten, dass die Amerikaner gegen 1.00 oder 2.00 Uhr auch in Herbern sein müssten. Wie ich, so hatten auch viele Bürger noch nie einen Amerikaner gesehen. Man fragte sich, wie sehen die Amerikaner aus? Wie wird alles verlaufen? Viele Herbern schliefen schon im Keller oder in Erdbunkern, die in vielen Gärten oder sonst wo angelegt worden waren. In der Nacht, gegen 2.30 Uhr, hörte man drei Warnschüsse. Jetzt suchten auch die letzten Bürger ihre Schutzräume auf. Etwa 15 Minuten später setzte das Geschützfeuer der Panzer ein. Wir hatten alle Angst, denn die Nazis hatten die schrecklichsten Gerüchte verbreitet und allen Angst und Schrecken eingejagt. Durch die Geschosse wurden besonders der Streifen zwischen Siegebrede und Merschstr. getroffen. Der Dorfkern selbst blieb unberührt. Es wurden auch Phosphorgranaten verwendet, so dass es an mehreren Stellen brannte. Auch an unserem Haus schlugen Granatsplitter Löcher in die harten Zechenklinker. Etwa 30 Dachziegeln wurden an unserem Haus zerstört. Mehrere Dachlatten wurden durchgeschlagen. Durch die Holzdecken waren allein fünf Splitter in das Schlafzimmer meiner Eltern eingedrungen. Ein Splitter war sogar durch die Aschendecke bis in den Keller durchgeschlagen. Dann wurde es plötzlich ruhig. Langsam wagten wir uns aus dem Keller. Von der B 54 her sah man im Morgengrauen schwarze Ungetüme in die Rankenstrasse einbiegen. Diese entpuppten sich als getarnte Panzer. Langsam kam das erste „Biest" angefahren, um die Lage zu erkunden. Bald hing aus jedem Fenster der Häuser ein weißes Tuch oder Bettlaken, zum Zeichen, dass man sich ergeben wollte. Die nachrückenden Panzer suchten in den Gärten und unter den Bäumen und auch zwischen den Häusern Deckung. In der Luft kreisten Beobachtungsflugzeuge. Schnell flüchtete die Bevölkerung wieder in die Keller und Erdbunker, um hier Schutz zu suchen.

Wie man später hörte, hatte das Geschützfeuer einem deutschen Flugzeug gegolten. Dieses Flugzeug hatte das Haus Kroes in Forsthövel in Brand geschossen, weil die Familie ein weißes Tuch ausgehängt hatte, als Zeichen, dass man sich ergeben hatte. Bald sahen wir auch die Zeichen, dass man sich ergeben hatte. Und wir sahen auch die ersten deutschen Gefangenen, die sich den Amerikanern ergeben hatten. Für sie war zwar der Krieg, aber nicht das Elend zu Ende. Bald wagten sich auch die Menschen, besonders auch die Kinder auf die Strasse. Wir wurden schon zutraulich. Die Amerikaner waren auch Menschen, wie wir bald merkten. Bald krachte es aber schon wieder. Das Gelände um Hüsemanns Busch wurde beschossen, da Polen sagten, dass sich hier deutsche Soldaten versteckt hielten. Die amerikanischen Soldaten waren oft ängstlicher als die deutschen Bürger. Das Gewehr im Anschlag, sahen sie überall Gefahren. Später fuhren überall Panzer auf, wie hinter unserem Haus, in Schreiner Neuhaus’ Wiese, dem jetzigen neuen Friedhof, auf der Hombrede bis zum Kalvarienberg.

Wir wussten nicht, was los war. Zuerst wurde gesagt, Hamm verteidigt sich. Von unserem oberen Flurfenster konnten mein Vater und ich beobachten, dass Häuser in Forsthövel brannten. Amerikanische Soldaten schnüffelten in unseren Häusern herum. Sie sagten uns, wir sollten in Richtung Westen fliehen. Aus der Richtung Forsthövel hörte man das Schiessen und auch, dass Gebäudeteile zusammenkrachten. Auch wir waren kopflos. Auch bei uns zu Hause ging es heiß her. Amerikaner wuschen sich, sie gingen an die Schränke und nahmen, was sie brauchten. Es gab auch bei den Amerikanern solche und solche. So konnte ich beobachten, wie ein Soldat sich einen Löffel aus der Schublade in der Küche nahm und dafür als Dank eine kleine Schachtel Zigaretten hineinlegte. Es wurde langsam ruhiger. Meine Mutter und meine beiden Schwestern kamen nach Hause zurück. Mein Vater und ich hatten das Haus nicht verlassen, obwohl wir auch nach Westen fliehen sollten. Später verließen die Amerikaner unsere Häuser. Sie hatten Kaffee, Zigaretten und sonstige Sachen liegen gelassen.

Später sahen wir einen Soldaten, der von Haus zu Haus ging und die Haustüren mit weißer Kreide beschrieb. Keiner wusste, was dieses wieder zu bedeuten hatte. Plötzlich hieß es, ihr müsst eure Häuser in 15 Minuten verlassen haben. Wer so etwas nicht miterlebt hat, kann sich dieses sicherlich nicht vorstellen. Wir nahmen einige Kartoffelsäcke und warfen alles für uns Wertvolle hinein. Zusätzlich hatten wir noch unsere schon vorher gepackten Rucksäcke. Als wir gerade das Haus verlassen wollten, rief uns ein Soldat zu, dass wir bleiben könnten. Unsere beiden Nachbarn mit den Mietern und andere Bewohner der Strasse mussten ihre Häuser verlassen. Die Nachbarn, die ihre Häuser verlassen mussten, kamen zu uns. Auch unsere Nachbarn Spetsmann brauchten nicht heraus, da Frau Spetsmann schwer erkrankt war. Bei einer Familie in unserer Strasse, bei denen die Amerikaner ein Adolf-Hitler-Bild und andere Nazi-Sachen gefunden hatten, zerschlugen sie einen Teil der Wohnungseinrichtung wie auch Herdplatten und brachen auch alles auf. Gerne nahmen die Amerikaner auch Eier, Speck und schöne Kissen mit. Die Frauen und Mädchen ließen die Soldaten vollständig in Ruhe. Am Karsamstagnachmittag konnten auch einige weitere Bewohner wieder in ihre Häuser einziehen. Weitere Häuser, besonders größere, blieben aber noch lange Zeit von den Soldaten besetzt.

Panzer um Panzer rollte gegen Osten durch die Rankenstrasse, der alten Heerstrasse Napoleons, und über die Merschstraße. Jetzt hörte man auch, was in der Bauernschaft Forsthövel losgewesen war. Hier hatte sich eine Gruppe von ca. 30 Soldaten festgesetzt. Es waren alles Jugendliche im Alter von 17 bis 19 Jahren. Diese Soldaten sollten eigentlich das Dorf Herbern verteidigen.

Am späten Abend des Karfreitags, dem 30. März 1945, konnte man aus Richtung Lüdinghausen / Nordkirchen bereits Kanonendonner und sogar Maschinengewehrfeuer hören. Gegen Abend erschien eine Pionier-Abteilung des Heeres in Herbern, die den Auftrag hatte, die Eisenbahnbrücke bei Piepenkötter, der heutigen Gaststätte „Zur Brücke, Wintering" am Bahnhof in Capelle zu zerstören. Nach langwierigen Verhandlungen, besonders aber nach der Meldung, die aus Ascheberg eintraf, wonach dort die Eisenbahnlinie bereits von den Amerikanern überfahren sei, bewegte man schließlich doch die Pioniere, von der sinnlosen Zerstörung der Bahnlinie Abstand zu nehmen.

In Herbern hielten sich noch immer deutsche Soldaten auf. Dem damaligen Bürgermeister Determeyer gelang es, den Hauptmann mit einigen jungen Soldaten zu überreden, das Dorf Herbern nicht wie vorgesehen, zu verteidigen. Schließlich hatten um Mitternacht die letzten Soldaten dann das Dorf in Richtung Mersch/Walstedde verlassen. Zwischen 04.00 und 05.00 Uhr am Morgen des Karfreitages 1945 erreichten von Capelle her über den Weg durch die Wälder von Westerwinkel etwa 200 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge Herberner Boden. Von hier aus nahmen die Panzer das Dorf Herbern und seine Umgebung unter Feuer, um abzutasten, ob Widerstand geleistet wurde. Leider ist in Folge dieser Aktion der Tod zweier Herberner Bürger zu beklagen. Ein Ehepaar von der Siegebrede hatte den Erdbunker am Bült (Nähe Westerteich) verlassen, um aus der Wohnung an der Siegebrede noch etwas zu besorgen. Dabei wurde die Ehefrau Ottilie Poplatz geb. Eidecker, die der Mann an der Hand hielt, durch einen Granatvolltreffer völlig auseinander gerissen. Auch der Ehemann Ernst wurde schwer verletzt. Der durch den Beschuss entstandene Sachschaden hielt sich in Grenzen, da die Granaten im freien Gelände explodierten. Unglücklich in dieser Situation war, dass auch die Starkstromleitung am Transformatorenhaus an der Vogelrute getroffen wurde und darum die Bevölkerung in fast ganz Herbern in den Kellern und Bunkern kein Licht mehr hatte. Auch in den nächsten Wochen hatte man keinen Strom, da das Transformatorenhaus nach dem Granateneinschlag auch ausbrannte.

Gegen 5.00 Uhr morgens rollten die Panzer weiter in Richtung Forsthövel über die Merschstraße. Vorher hatte der damalige Bürgermeister Determeyer das Dorf einem amerikanischen Offizier übergeben. Etwa zwei Kilometer hinter dem Dorf Herbern in Richtung Mersch, in der Bauernschaft Forsthövel (Brünnemanns Ort) stießen die Amerikaner auf Widerstand. Hier hatte sich eine Einheit, die fast nur aus Offiziersanwärtern bestand, festgesetzt. Die von Detmold auf Lastwagen herantransportierten Soldaten sollten eigentlich Herbern verteidigen. Dazu kamen sie wohl zu spät.

Bauer Heinrich Gräwe, dessen Haus und Scheune vollständig zerstört wurde, erzählte damals, dass er sich noch mit den jungen Soldaten unterhalten hatte, als die Kettengeräusche lauter wurden. Plötzlich seien die Soldaten verschwunden gewesen. Die ersten Panzer ließen sie durchrollen. Die nächsten schössen sie mit der Panzerfaust ab. Acht Panzer sollen sie abgeschossen haben. Heinrich Gräwe erzählte, dass er nur noch Feuer und Sachen durch die Luft fliegen sah. Im Bauernhaus Ferkmann-Hülsmann hatte sich eine Gruppe von deutschen Soldaten verschanzt. Bei einem Angriff auf das Haus mussten auch einige Amerikaner ihr Leben lassen. Die Amerikaner hatten mehr als hundert Panzer aufgefahren. Mehrere Bauernhäuser, wie Homann, Krampe und Gräwe, wurden in Brand geschossen und zerstört. Ausländer, wie Russen, die zu den Amerikanern überlaufen wollten, wurden von diesen erschossen, da die Amerikaner nervös geworden waren [und sie wohl für Deutsche hielten; d. Hrsg.].

Wie man später erzählte, sind diese einfach in einen Bombentrichter geworfen worden. Ihre Angehörigen werden nie etwas mehr von ihnen gehört haben. Die Amerikaner nahmen ihre Verwundeten und Toten und auch die geknackten Panzer mit. Man wollte wohl nicht die eigenen Verluste zeigen. Man hörte auch bald, dass 15 deutsche Soldaten ihr Leben lassen mussten. Der Hauptmann, der, als es brenzlicher wurde, einen Zivilanzug haben wollte, bekam diesen von den erbosten Bauern nicht mehr. Vor dem Kampf hatte er das angebotene Zivilzeug abgelehnt. In Herbern, in der Nähe des Ehrenmales und in Horn mussten zwei Frauen durch Beschuss ihr Leben lassen. Ottilie Pohplatz geb. Eidecker von der Siegebrede verließ mit ihrem Mann den Erdbunker am Bült (Nähe vom Westerteich), um noch einige Habseligkeiten von zu Hause zu holen. Sie wurde von einer von einem Panzer abgefeuerten Granate voll getroffen. Ihr Mann Ernst, der sie an der Hand hielt, hatte diese nur noch in der Hand. Auch er wurde schwer verletzt. Es wurde langsam Abend, nach einem Tag, den man nicht zu leicht vergisst.

In der Kirche wurde wieder Beichte gehört. Man musste allerdings oft eine halbe Stunde warten, um überhaupt die Hauptstrasse im Dorf überqueren zu können. Auch die Nacht zum Ostersonntag war sehr unruhig. Panzer nach Panzer fuhr durch die Strassen. Auch wurde immer noch geschossen. An unserem Haus wurden der Vorgarten und die Bäume vor dem Haus durch Panzer vernichtet.

In dem sich in Forsthövel entwickelten Gefecht wurden die Gehöfte Homann, Feldmann-Krampe, Gräwe und Kroes in Brand geschossen und sie brannten einschließlich eines großen Teils des Viehbestandes fast vollständig nieder. Zivilpersonen kamen bei diesem Gefecht nicht ums Leben. Dagegen mussten fünfzehn der jungen Offiziersanwärter, fast alle um 18 Jahre alt, ihr Leben lassen. Auf dem Friedhof von Herbern ruhen vierzehn von ihnen. Einer wurde in die Heimat überführt. Das schlichte Massengrab wird von der Gemeinde liebevoll gepflegt.

Auch vier Ausländer, wahrscheinlich Russen, die ebenfalls bei dem Gefecht um ihr Leben kamen, wurden auf dem Friedhof von Herbern beigesetzt.

Schon am l. Ostertag, einem Tag nach der Besetzung des Dorfes, war die Kirche wieder geöffnet. Die hl. Messen in der Kirche waren allerdings nur mäßig besucht, da sich viele noch nicht trauten, diese zu besuchen. Auch konnten die Bewohner der Bauernschaften das Gotteshaus noch nicht besuchen, da für sie noch Ausgangssperre bestand. Abends musste noch alles verdunkelt werden. Auch am 2. Ostertag war alles noch sehr unruhig. Jetzt hörten wir, dass man aus einem von Tieffliegern zerschossenen Zug Wolldecken und andere Sachen holen dürfe. Die Amerikaner hatten das Wehrmachtsgut für die Bevölkerung frei gegeben. Schließlich machte ich mich mit meiner älteren Schwester und einer Nachbarin mit einem Bollerwagen auf den Weg zum Bahnhof Mersch. Hätten wir gewusst, wie es in der Bauernschaft Forsthövel aussah und wie gefährlich die Fahrt mit dem Bollerwagen war, wir wären sicher zu Hause geblieben und auch unsere Eltern hätten uns nicht fortgelassen. Panzer um Panzer rollte in Richtung Osten vor. Grosse Lkws, vollgepfercht mit deutschen Gefangenen, rollten in Richtung Westen. Damit die Soldaten nicht von den Fahrzeugen fielen oder flüchteten, hatte man Netze über die Fahrzeuge geworfen. Oft waren mehr als 60 Gefangene auf einem Lastwagen zusammen gepfercht. Diese abgekämpften, unrasierten, ausgehungerten und verstaubten Gestalten glichen kaum noch Menschen. Viele von ihnen sind später in den Gefangenenlagern verhungert. Zwischendurch fuhren Meldefahrer mit den Krädern. Außerdem zogen auf der Strasse Ausländer, die in Deutschland als Fremdarbeiter vor allem für die Rüstung tätig waren; Holländer, Franzosen und andere, die in ihre Heimat zurück wollten. Oft mussten wir mit unseren Bollerwagen in den Straßengraben ausweichen, um nicht überfahren zu werden. Von den Panzern war die Strassendecke bereits ganz zerstört. Als wir in Forsthövel ankamen, sahen wir das ganze Elend des Krieges. Zerschossene und verbrannte Häuser, tote Saldaten, totes Vieh, tote Kühe und Pferde der dort lebenden Landwirte lagen an der Strasse.

Überall lagen zerstörte Fahrzeuge, Stahlhelme, Gewehre, Verbandszeug und anderes mehr. Wie ich mich erinnere, hatten die meisten der toten Soldaten einen Kopfschuss abbekommen. Keiner kümmerte sich um die Toten, höchstens um sie noch zu berauben. Keiner hatte die Toten zugedeckt.

Nach Ostern wurden die gefallenen deutschen Soldaten auf dem Friedhof in Herbern beigesetzt. Ein Geistlicher war nicht dabei. Die Männer der Rankenstrasse hoben das Reihengrab aus. Hier wurden die gefallenen Soldaten ohne Sarg beerdigt. Der damalige Totengräber hatte noch die Decken unter den Toten weggezogen, um diese mit nach Hause zu nehmen. Hätte nicht jeder Schreiner einen Sarg oder wenigstens eine Kiste zimmern können? Der Krieg hatte die Menschen hart gemacht.

In den ersten Tagen nach der Besetzung, besonders an den Ostertagen 1945, sollen schätzungsweise zwei bis drei amerikanische Divisionen mit ca. 30.000 Soldaten, darunter viele Schwarze, das Dorf Herbern passiert haben.

Während des Krieges sind im Gemeindegebiet Herbern rund 700 Spreng- und über 1.000 Brandbomben abgeworfen worden. Glücklicherweise sind die meisten auf freies Gelände gefallen. Trotzdem sind noch allerhand Zerstörungen angerichtet worden. So wurden durch die Bomben die Gehöfte Schäper, Krampe-Knappschäper in Nordick und das Wohnhaus Schrilz an der Bockumer Strasse völlig zerstört. Außerdem wurden mehrere Wohnhäuser und Gebäude durch Bombenabwürfe zum Teil schwer beschädigt. Bei den Bombenabwürfen waren zwei Tote zu beklagen. Durch Angriffe auf Personenkraftwagen und Lastkraftwagen und andere Ziele waren weitere Opfer bei der Zivilbevölkerung und beim Militär zu beklagen.

Am 20. April, dem Geburtstag des Führers Adolf Hitlers (am 20. April 1889 in Braunau am Inn geboren, wie jeder Hitlerjunge und Deutsche selbst im Schlaf wusste), überbrachten die Flugzeuge der Alliierten die Geburtstagsgrüße in Form von Bomben nach Berlin. Während sich die amerikanischen Soldaten noch angstvoll hinter Panzer und Häuser Deckung suchten, waren wir froh, dass wir ohne Gefahr die „feindlichen Bomberverbände" beobachten konnten. Die Verdunkelung wurde jetzt auch aufgehoben. In den ganzen Kriegsjahren brannte keine Straßenlampe. Alle Fenster mussten vollständig abgedunkelt werden. Selbst die Lampen der Autos und auch der Fahrräder durften nur einen ca. einen Zentimeter breiten Schlitz haben, der etwas Licht durchließ. Auch in den nächsten Wochen gab es noch eine Ausgangssperre. Man durfte das Haus nur in einer bestimmten Zeit zum Einkaufen oder zur Garten- und Feldbestellung verlassen. So war es nicht verwunderlich, dass jeder, der das Haus verließ, einen Spaten oder eine Hacke mit sich führte, um Gartenarbeit vorzutäuschen. Nach Anbruch der Dunkelheit durfte niemand mehr das Haus verlassen. Die Angst blieb noch monatelang der Begleiter der Herberner Bevölkerung

Auf dem damaligen Sportplatz, dem heutigen Reitplatz, war ein großes „Russenlager" aus etlichen Holzhütten errichtet worden. In diesem Lager, das von einem hohen Zaun umgeben war, wohnten die ehemaligen Kriegsgefangenen, aber auch die zwangsverschleppten Frauen und Männer und auch Kinder. [Vorher waren sie bei Bauern untergebracht, bzw. ganz zu Anfang wurden sie nach Rogges Aussagen abends in ein Haus, das heute abgerissene alte Samson-Haus an der Ecke Merschstr. / Bernhardstr., zusammengezogen. D. Hrsg.) Bei den meistens nachts durchgeführten Raubzügen wurden zwei Herberner erschossen [nach Rogges Aussagen die Bauern Meinke und Schlieker-Schürkmann. D. Hrsg.] und viele Frauen und junge Mädchen vergewaltigt. So wurden in einem Fall zwei Schwestern von sieben bis acht Russen brutal genommen. Rund 90 Stück Großvieh und über 300 Schweine wurden von den Plünderern geschlachtet und mitgenommen. Schmuck, Kleidungsstücke und Fahrräder wurden einfach mitgenommen. [Nach Aussagen Rogges hätten sich die Bauern teils gegenseitig vor heranrückenden marodierenden Banden gewarnt, indem sie mit Blechbüchsen Lärm geschlagen oder mit Karbid geschossen hätten. Dazu wurde Karbid in eine Milchkanne gesteckt, in der unten ein Loch eingestanzt wurde. Anschließend goss man Wasser auf das Karbid in der Kanne, verschloss diese mit einem teilweise mit Blei beschwerten Deckel und hielt unten an das Loch ein Zündholz. Dadurch "schoss" der Deckel dann durch die Luft; d. Hrsg.] Wehe dem Bauern, der seine Gefangenen und Zwangsarbeiter nicht gut behandelt hatte. Deshalb fuhren viele Bauern mit ihren Familien und ihrer Habe abends zu Bekannten ins Dorf, um hier zu übernachten. Andere versteckten sich ganz, da sie um ihr Leben fürchteten.

 

Die Nachkriegszeit

 

Jeder organisierte so gut er kann. Im Jahr 1946 gab es zum Beispiel für einen Haushalt gerade 1 Zentner Kohle. So versuchten die Bürger von den Zechen Schlammkohle, das sind die Überbleibsel, die beim Kohlewaschen abfallen, zu bekommen. Am 13. Februar 1947 wurden im Ruhrgebiet Bittgottesdienste wegen der großen Not in den Kirchen abgehalten. Der Schwarzmarkt nahm beträchtlich zu. Hier nur einige Schwarzmarktpreise: 1 Pfund Speck, damals wurde alles noch in Pfund berechnet, kostete 190 Reichsmark, ein Pfund Bohnenkaffee 300 Reichsmark, ein Ei 5 Reichsmark, ein Feuerstein 5 Reichsmark oder ein Pfund Mehl 10 Reichsmark. Am 10.März 1947 wurde in allen Kirchen, auch in der Pfarrkirche St. Benedikt ein Bittgottesdienst gegen die große Not gehalten.

Vom 15. bis 17. März nahmen einige Jungen aus Herbern an einem Kursus der katholischen Jugend auf der Jugendburg Gemen bei Borken teil. Der Kurs war frei, allerdings sollte jeder Teilnehmer einen Ziegelstein mitbringen, da man hier noch Umbauten an der Burg vornehmen musste und Ziegelsteine für Geld und gute Worte nicht zu bekommen waren. Mit dem Zug ging die umständliche Fahrt nach Münster. Hier war es ja einfach, einen Ziegelstein aus den Trümmern zu bekommen. Dann fuhr man weiter mit dem Zug bis Borken. Von da aus machte man sich auf Schusters Rappen auf den Weg zur Jugendburg. Am zweiten Tag gab es mittags eine Erbsensuppe. Ein ausgehungerter Junge aus dem Ruhrgebiet schaffte es, 11 Teller mit Erbsensuppe zu verdrücken.

Am 30. März 1947 demonstrierten 80.000 Menschen in Düsseldorf gegen die katastrophale Ernährungslage. Sie riefen in Sprechchören: „Versprechungen machen nicht satt, gebt uns zu essen!“ Auch in Hagen, Köln, Bielefeld, Essen, Dortmund und anderen Städten traten die Arbeiter in den Streik, um auf die Hungersnot aufmerksam zu machen, einen Tag später auch die Betriebe in Hamm. Jetzt streikten auch sämtliche Bergarbeiter in der britischen Besatzungszone, in der wir ja wohnten. Im gesamten Monat März 1947 gab es nur 45 Gramm Fett und drei Pfund Maisbrot pro Person. Dieses goldgelbe Brot, das nicht gut schmeckte, verursachte dazu noch Magenschmerzen. Warum es überhaupt dieses Maisbrot gab, lässt sich durch einen Übersetzungsfehler erklären. Als die amerikanische Besatzung den Not der Bevölkerung vor Ort erkannte, fragte man die deutschen Offiziellen, was man denn am nötigsten brauche und die Antwort lautete: „Korn“, was die Amerikaner als „corn“ (Mais) ansahen. Daher wurde die amerikanische Besatzungszone mit Mais überschwemmt und daraus entstand dieses unsägliche Maisbrot, das nur verzehrt wurde, weil es nichts anderes gab, immer nach dem Motto: „In der Not frisst der Teufel Fliegen!“

Überall vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen, um überhaupt Brot zu bekommen. In Dortmund hatte es im März 1947 schon drei Wochen und in Hamm schon zwei Wochen überhaupt kein Brot mehr gegeben. Statt Fleisch gab es braunen, klebrigen Zucker. Die Zahl der durch die Hungersnot bedingten Todesfälle war stark angestiegen. Nährmittel wie Mehl und Nudeln gab es überhaupt nicht mehr zu kaufen. Überhaupt drehte sich alles nur um die Ernährung.

Am 2. Ostertag 1947 wurde vom Theaterverein Frohsinn, der sich aus der KAB-Laienspielschar gebildet hatte, das Gesangspiel „Florenzia das Zirkusmädel“ gespielt.

Zu Ostern 1947 gab es keine Zuteilung von Lebensmitteln. Viele Menschen hatten nur ein paar Schnitten Maisbrot und selbst das fehlte oft noch. Im April 1947 gab es auch in Herbern schon seit Tagen kein Brot mehr.

Die Moskauer-Konferenz wurde wegen Uneinigkeit der Teilnehmer abgesetzt. Sie sollte im November in London fortgesetzt wurden.

Am 30. April 1947 wurde das Theaterstück „Florenzia das Zirkusmädel“ zum letzten Mal aufgeführt. Den Reinertrag sollten die entlassenen Soldaten aus Russland bekommen, die es besonders schwer hatten. Am 1. Mai 1947 herrschte regnerisches Wetter. Da vielen Leuten das Heu für die Tiere ausgegangen war, wurden die Kühe ausgetrieben. Der 1. Mai wurde als Tag der Arbeit und des Friedens begangen. Seit ungefähr einem Jahr hatte es kein Ei mehr als Zuteilung gegeben. „Wo bleiben die Eier?“ fragten sich die Menschen. Auch Kohlen, die jeden Tag gefördert wurden, bekam man nicht. Sie wurden als Reparationszahlung (Wiedergutmachung) abtransportiert.

Am 11. Mai wurden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Einige richteten sich nach der neuen Zeit, andere nach der alten. In Hamburg ruhte die Arbeit. Die Menschen traten hier in den Hungerstreik.  Auch im Mai gab es oft tagelang kein Brot. Die Menschen mussten oft 5-6 Stunden Schlange stehen, um evtl. etwas zu bekommen. Auch in Herbern wat Schlangestehen angesagt. Manche Menschen brachen dabei vor Erschöpfung zusammen. Mitte Juni breitete sich der Kartoffelkäfer besonders stark aus. Wenn man die Kartoffeln auch täglich absuchte, man kam dagegen nicht an. Auch in den Hausgärten wurden die Kartoffelsträucher kahl gefressen.

22.06.48. Herberns Fußballmannschaft stieg auf. Die Mannschaft gewann mit 3:1 Toren gegen Lüdinghausen und wurde Kreismeister. Am 25.Juni 1948 spielte Herbern gegen den Westfalenmeister, die erste Mannschaft von Borussia Dortmund. Natürlich kamen die Borussen nicht für Geld, sondern Butter und Speck musste her. Herbern verlor mit 2.6 Toren.

5.August 1948. Es hatte schon seit Wochen nicht geregnet. Das Futter auf den Wiesen und Feldern für das Vieh wurde knapp. Die kleinen Leute bekamen auch ihre Ziegen und Schafe nicht mehr satt. Das Vieh musste wegen Futtermangel zum Teil abgeschlachtet wurden. Die Kornernte war schon beendet. Wir Kinder hatten wie viele andre wieder Kornähren von den Feldern gesucht. Die Bauern mussten schon Wachen aufstellen, damit sie nicht auf den Feldern bestohlen wurden. So wurde auch Wilhelm Schürer als Aufseher verpflichtet, der mit zwei Schäferhunden nachts die Felder bewachte. Die Not war weiter groß. Selbst das Papier auf dem „Lokus“ war knapp. Toilettenpapier, wie heute kannte man überhaupt nicht. Man wischte sich den Po einfach mit Zeitungspapier ab. Aber auch das war nicht genügend vorhanden, denn die „Zeitung“ bestand nur aus zwei oder drei Zeitungsseiten. 

Am 28. Oktober 1947 wurde der neue Bischof Michael Keller für das Bistum Münster bestellt. Am 25. November 1947 begann die Londoner Konferenz. Die Menschen hoffen, dass es zu einer Einigung und damit zum Frieden kommt. Sie wurde aber am 15. Dezember 1947 für gescheitert erklärt, als es zwischen den Amerikanern und den Sowjets zum Bruch kam. Den Menschen war für dieses Jahr ein Zentner Kartoffeln versprochen worden, aber die wurden in der britischen Besatzungszone nur zum Teil geliefert. In jenem Jahr gab es fast überall keine Weihnachtsbäume. Wer dennoch einen haben wollte, musste ihn sich praktisch „organisieren“ oder einfach klauen. Die Spitzen der Bäume wurden von den Waldbesitzern mit einer schwarzen Masse angestrichen, die im Raum schrecklich stank, um damit das Klauen zu verhindern. Geschenke gab es zu Weihnachten nur praktische, wie selbst gestrickte Socken oder Selbstgebasteltes. Zu Neujahr und zu anderen Anlässen wurde selbst gebrannter Schnaps organisiert, so auch zu Silvester.

Im Jahre 1947 gab es in der Pfarre St. Benediktus 70 Geburten, 47 Sterbefälle und 24 Trauungen. Der Hunger machte sich auch auf dem Lande bemerkbar. Alle hofften auf Besserung durch die neue Währung. Die Ernährungslage hatte sich weiter verschlechtert. Schon seit Wochen gab es kein Fett und Fleisch mehr. Das Rauben und Plündern hatte erschreckende Formen angenommen. Sogar auf den Straßen wurden Menschen überfallen, um an Nahrungsmittel oder warme Kleidung zu kommen. So trugen auch die Messdiener bei Beerdigungen im kalten Winter Handschuhe, durch die alle zehn Finger durchschauten, da sie kaputt waren. Garn zum Stopfen war nicht vorhanden. Daher war bei den Messdienern der Posten als Lampenträger gefragt, da man sich an der Lampe mal die Finger wärmen konnte. Gerne dienten die Messdiener auch in den Hl. Messen im Krankenhaus, da sie nach der Messe ein Frühstück bekamen. Wer in diesen Jahren Weihnachten im Krankenhaus dienen konnte, hatte ein besonderes Glück, er bekam sogar eine Tüte mit Süßigkeiten geschenkt.

Im Januar 1948 wurde auch wieder gestreikt, da sich die Ernährungslage noch weiter verschlechtert hatte. Ende Januar 1948 wurde bekannt gegeben, dass alle Haushaltungen nach evtl. vorhandenen Lebensmittelvorräten durchsucht werden sollten. Man durfte nicht mehr als für zwei Tage Vorräte haben. Ob das auch für das Geschlachtete und Eingekochte galt, fragten sich die Bürger. Trotz der schlechten Zeiten veranstalten viele der rund 20 Vereine Tanzfeiern. Die Getränke musste sich jeder selber besorgen. Selbst in der Kirche St. Benedikt war nichts mehr vor dem Klauen sicher. So wurden die Vorhänge von den Beichtstühlen und die Glühbirnen mitgenommen. Die Kerzen am Altar bestanden aus Attrappen. Nur das obere Stück der Kerze war aus Wachs.

 In diesen Zeiten wurde auch viel über einen Krieg gesprochen. Aber auch ein angebliches Kreuz am Himmel wurde von einigen Menschen gesehen.

Da die kleinen Leute kein Stroh für ihre Tiere, wie für die Schweine bekommen konnten, holten sie Laub aus den Wäldern, um es zum Einstreuen zu nutzen. Auch Eicheln wurden gesammelt, um damit die Schweine zu füttern. Sogar Disteln wurden im so genannten Schweinetopf als Futter gekocht und dann verfüttert. Dass davon die Schweine nicht fett wurden, versteht sich von selbst. In der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1948 wurde das Schaufenster des Geschäftes Menninghaus eingeworfen und alles Brauchbare entwendet. Die Diebe wurden immer dreister. Das Vieh wurde nicht nur auf der Weide gestohlen sondern auch aus den Ställen der Landwirte. Die Bauern und Bergleute waren am besten dran: Sie erhielten besondere Vergünstigungen. Wie man hörte, wurden in Amerika Lebensmittel wegen Überproduktion verbrannt und hier in Deutschland hungerten die Menschen. Es fanden in der Kirche wieder Fastenpredigten statt, die gut besucht waren. In der ersten Fastenpredigt brach der Geistliche, der von auswärts kam, wohl aus Unterernährung zusammen.

Statt Fleisch, Fett, Käse und Kartoffeln gab es laut Zuteilung für 1000 Gramm Kartoffeln 170 Gramm ungereinigten Pferdezucker. Der Verband des Lebensmitteleinzelhandels hatte, wie aus einer Anfrage an den Hamburger Senat hervorging, durch einen vereidigten Chemiker Untersuchungen durchführen lassen, wie am 5. Juli in der Zeitung zu lesen war. Nach diesen Untersuchungen des letzthin angekommenen braunen Kuba-Zuckers hatte eine Probe ergeben, dass in dem Zucker 9,5 Prozent Holz- und Rindenanteile, 2,3 Prozent Bindegarn und Fasern, 0,6 Prozent Tabakfragmente und zahlreiche Schmutzpartikel vorhanden waren.

So war es denn nicht weiter verwunderlich, dass die Ideen des Kommunismus auf fruchtbaren Boden fielen. Amerika kämpft verzweifelt gegen den Kommunismus. Wenn Russland noch einem Land den Kommunismus aufzwang, drohte Amerika zu den Waffen greifen. Der britische Premierminister Attlee betonte bei einem Empfang am 6. März 1948 in London, dass es im Falle eines Krieges keine Wartezeit gebe und dass Großbritannien aus diesem Grunde eine starke Territorialarmee brauche. “Wir arbeiten ehrlich für den Frieden und hoffen aufrichtig, dass es nicht zu einem neuen Kriege kommen wird, “ sagte Attlee. „Wir müssen aber vorbereitet sein.“

Nach den Zuteilungen von Bezugsberechnungen im Jahre 1946/47 hätten in der britischen Zone erhalten sollen:

Frauen: ein Kleid in 12 Jahren, einen Wintermantel in 76 Jahren, eine Garnitur Unterwäsche in 37 Jahren, ein Paar Strümpfe in 14 Jahren und 1 Paar Straßenschuhe in 9 Jahren.

Männer: einen Straßenanzug in 12 Jahren, einen Wintermantel in 154 Jahren, Kopfbedeckung in 25 Jahren, ein Hemd in 10 Jahren, ein Paar Straßen- und Arbeitsschuhe in 3 Jahren. Bei den Kindern sahen die Zuteilungen ähnlich aus. Allerdings bekamen die meisten nicht einmal diese Sachen, wohl aber die Schieber.

Düsseldorf, 9. März 1948. Zeitungsbericht. Der Normalverbraucher in Nordrhein-Westfalen werde nicht mehr mit Fleischzuteilungen rechnen dürfen, teilte ein Vertreter des Ernährungsministeriums mit. Die vorhandnen und neu hinzugekommenen Bestände würden von den Bergwerksküchen und ähnlichen Einrichtungen gebraucht. Zu Ostern würde möglicherweise eine kleine Fleischzuteilung für den Normalverbraucher aufgerufen werden. Es sei auch schwierig, bei der gegenwärtigen Versorgungslage in jedem Falle statt Fleisch Fisch zu liefern. Weiter wurde mitgeteilt, dass die Ausgabe von 50 Gramm Trockenei für Ostern gesichert sei. Erfreulich war, dass die Fettversorgung von 150 Gramm pro Person in der 113. Zuteilungsperiode gesichert sei.

In diesem Jahr machte ich einen Tanzkursus mit. Damit ich einen Anzug für den Schlussball bekam, wurde dieser gebrauchte Anzug gegen eine Ziege von uns eingetauscht. Der bisherige Träger des Anzuges war im Krieg gefallen. 13.03.1948: Heute war Schulentlassung der Volksschule in Herbern. „So feierlich war es noch nie“, sagten die Eltern und Schüler. Die Feier wurde von Rektor Wünsche so feierlich aufgezogen.

Das Brot war zu jener Zeit besonders knapp, auch auf dem Lande. Man wagte zu Hause kaum noch zu fragen, ob man noch eine Schnitte nehmen durfte. Man wollte ja den Eltern nicht wehtun.

Am 18. April wurden die Uhren auf die Sommerzeit umgestellt.

Beim Kaplan Bügelmann fanden regelmäßig Heimabende der kath. Jugend statt, die vom Kaplan interessant gestaltet wurden.

16.03.48. Europa war (politisch; d. Hrsg.) in zwei Hälften gespalten: Ost und West. Wie an diesem Tag bekannt wurde, sollte es mehr zum Essen geben. Nur so könne die Gefahr, die vom Osten droht, abgewendet wurden.

17.03.48 Truman hielt eine Rede, in der unter anderem der Satz fiel: „Wir sind auf alles gefasst.“ In Amerika wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

Frankfurt a.M. (DPD). Vom 1. April 1948 wurden je Normalverbraucher im Monat 100 Gramm Fett, 500 Gramm Zucker, 500 Gramm Trockenfrüchte mehr ausgegeben, teilte die Verwaltung für Ernährung in Frankfurt mit.

Der Normalverbraucher erhalte in der kommenden Zuteilungsperiode 9000 Gramm Kartoffeln, 425 Gramm Fleisch, 265 Gramm Fett, 9750 Gramm Brot, 1350 Gramm Nährmittel, 600 Gramm Fisch, 1500 Gramm Zucker, drei Liter entrahmte Milch und zwei Eier bzw. 25 Gramm Trockenei.

Der kälteste Tag im Februar 1948 war in der britischen Zone der 20. Februar. Norddeutschland stellte an diesem Tage in Quickborn eine Temperatur von minus19, 4 Grad fest. Die tiefste Temperatur wurde in Gättingen mit minus 23 Grad gemessen.

In den Berufsschulen gab es Schulspeisung, in der Hauptsache Milchsuppe mit Keksen. Die Karfreitagsprozession, die traditionsgemäß zum Kalvarienberg ging, war gut besucht. Drei Tage vor Ostern gingen die Jungen auch mit den so genannten Rappeln durch die Straßen. Die Geistlichkeit in Herbern bestand aus Pastor Heinrich Bayer, der in dem alten Pastorat wohnte, Vikar Wolbers, der in der Vikarie wohnte und Kaplan Bügelmann, der in der Kaplanei wohnte. Alle drei Gebäude wurden später abgerissen.

Ostern abends zum Osterfeuer, das in der Bauerschaft Ondrup abgebrannt wurde. Anschließend bei Bauer Hüttermann getanzt.

Am 2. Ostertag nachmittags war Generalprobe des Theaterstückes „Die Bremer Stadtmusikanten“, das am Abend von der KAB-Spielschar aufgeführt wurde. Dieses Singspiel in drei Aufzügen war immer ausverkauft. Bald wurden die Lieder wie: „Ludmilla, ach Ludmilla, ich kauf dir eine Villa…“ auch auf den Straßen von Herbern gesungen.

Am 2. Ostertag machten sich auch viele Herberner auf zum Emmausgang nach Capelle. In der Wirtschaft Mersch in Capelle fand dann ein Tanzabend statt. Viele waren total betrunken. Der selbst gebrannte Schnaps verfehlte seine Wirkung nicht.

Alle Kinder, die in jenem Jahr zur hl. Erstkommunion gingen, bekamen einen Bezugschein für ein Paar Schuhe. Das Schwimmbad für viele Herberner war die Gräfte von Westerwinkel, der Platz und das Wasser an der Dicken Linde. Hier lernten viele Kinder und Jugendliche das Schwimmen. Die Gräfte war damals stark verschlammt. Bei einem „Köpper“ aus der Dicken Linde musste man aufpassen, dass man nicht im Schlamm stecken blieb. Wenn Ostwind herrschte, wurden die Froscheier zentimeterhoch angeschwemmt. Ein nicht gerade schönes Gefühl, wenn man dann durch diese quabbeligen Eier durchschwimmen musste. Allerdings konnten die meisten Kinder überhaupt nicht schwimmen.

Abends spielten die größeren Kinder und die jüngeren Erwachsenen in der Rankenstraße Völker- und Jägerball mitten auf der Straße. Autos fuhren ja kaum.

16. April 1948. Der Sportverein hatte ein Grundstück vom Grafen von Merveldt zum Bau eines Sportplatzes, dem heutigen Platz an der Werner Straße, zu Verfügung gestellt bekommen.

Die neuen Glocken für St. Benedikt waren eingetroffen. Die alten mussten bis auf die kleinste im Krieg abgegeben wurden. Wie man sich erzählte, wurden für diese Glocken 50 Zentner Korn, mehrere Zentner Speck und anderes gezahlt. Für Geld bekam man fast nichts mehr.

Auf Zuteilungsmarken wurde auch Pferdefleisch in Dosen geliefert, das, wie es hieß, eigentlich als Hundenahrung bestimmt war. Daher wurde auch folgendes Gedicht in der Zeitung veröffentlicht:

„Dass offensichtlich Schwein und Rind

längst aufgegessen sind,

und nun der Boss [Amerika; d. Hrsg.]

uns schickt das letzte Roß

Sagt mir ein böser Mund,

wurde kommen auf den Hund!-

Warum daran stoßen?

Hauptsache: in Dosen!“

25.April 1948. Herberns Fußballer wurde Kreismeister. Die 1. Oberliga-Mannschaft von Vohwinkel war bei Herberner Selbstversorgern untergebracht, damit sie sich wieder einmal satt essen konnten. In einem Freundschaftsspiel unterlag der frischgebackene Kreismeister mit nur 1:2 Toren.

2. Mai 1948. Schon seit Wochen herrschte reges Leben im Turm der Pfarrkirche St. Benedikt. Es galt die Vorbereitungen für das Anbringen der neuen Glocken zu treffen. Gegen 17 Uhr zog am Sonntag eine lange Prozession aus dem Dorf den neuen Glocken entgegen. Pfarrer Bayer nahm zusammen mit dem Kirchenvorstand die Glocken auf dem Kirchplatz in Empfang, wo dann die Feier der Taufe und Weihe begann. Die größte Glocke wog 46 Zentner und trug den Namen „Herz Jesu“ mit dem Spruch: „Jeder meiner Töne spricht: Hoch gelobt sei Jesus Christ“. Insgesamt waren es fünf Glocken. In den nächsten Tagen wurden die Glocken von Außen aufgezogen.

9.Mai 1948. Bei der Gemeindemission wurden jeden Tag zwei bis drei Predigten von Jesuiten-Patres gehalten.

Im Mai 1948 war eine richtige Maikäferplage. Das Grün von Bäumen und Sträuchern wurde zum Teil restlos abgefressen.

26.05.48. Das 100jährige Bestehen der Bahnlinie Hamm-Münster wurde feierlich begangen. Züge und das Bahngelände waren geschmückt.

03.06.48. Wegen der guten Witterung wuchs das Gras, auch an den Straßenrändern, recht gut. Doch waren zu viele Leute da, die alle Gras für ihre Ziegen, Schafe und Kaninchen benötigten. So wurde auch das Gras an den Straßenrändern meistbietend versteigert. Wir hatten nur noch einen Streifen in Nordick, in der Nähe des heutigen Flugmodellplatzes ersteigern können und das für sechs Jahre. Auch die Obstbäume wurden versteigert, wie an der Merschstraße, am Bakenfelderweg und an der Rankenstraße bis nach Nordick. Doch ein paar Tage vor der Versteigerung versorgten sich die Bürger mit Obst von den Bäumen, wenn es einigermaßen reif war.

Thema  Nr. 1 war in den nächsten Wochen die Währung. Die Leute kauften, was sie nur bekommen konnten, vor allem Essig, Salz und Lebensmittel, die sie noch für ihre Lebensmittelkarten bekamen. Brot gab es schon sei zwei Tagen überhaupt nicht mehr. Ein paar Tage später waren selbst Salz und Essig nicht mehr zu haben. Jeder versuchte seine Schulden noch vor der Währungsreform zu bezahlen. Am 20. Juni 1948 war es endlich so weit: Es gab das neue Geld. Plötzlich gab es wieder fast alles zu kaufen. die Geschäftsleute waren auffallend freundlicher geworden. Man konnte sogar wieder Eier in den Geschäften und beim Bauern kaufen.

Am 29. Juni 1948 fand das traditionelle Gänseköppen des Gesellenvereins, der heutigen Kolpingfamilie, in der Kastanienallee in Westerwinkel statt. Gänsekönig wurde Theo Röhling. Abends fand dann der Tanzabend in den Räumen und Anlagen des Hotels Westhues statt.

2. Juli 1948. An den drei Herberner Mühlen Mense, Ringelkamp und Schoppmann konnte man wieder Mehl kaufen.

 4.Juli 1948. Gemüse gab es jetzt in Hülle und Fülle. Das meiste kam aus Holland. Die Menschen konnten es kaum fassen, dass auf einmal fast alles wieder zu haben war. Allerdings gab es immer noch die Lebensmittelkarten. So musste man auf der Kirmes, die am 10. Juli 48 stattfand, beim Kauf von Zuckerstangen noch Lebensmittelmarken abgeben. Die Kirmes bestand aus einer Schiffschaukel, einem Kinderkarussell und einer Raupe und einigen Buden. Als sich die Herberner bei einem Glückspiel an der Bude des Schaustellers Wunderlich am Abend betrogen fühlten, ging plötzlich das Licht aus und die Bude wurde förmlich verwüstet.

In Berlin kriselte es. Die Stadt wurde auf dem Luftwege versorgt. Im Sommer 1948 hatte es viel geregnet. Straßen wurden zum Teil überflutet. Auf den Feldern und Wiesen stand das Wasser. Später konnte doch das Korn geschnitten und auch die Kartoffeln konnten noch geerntet wurden. Ein Zentner Kartoffeln kostete 10 DM. Die Löhne waren niedrig und die Waren teuer. So kauften die Bürger, wenn sie es sich leisten konnten, 1 Pfund Bohnenkaffe zu sieben DM. Es wurde meistens noch Kaffe aus Roggen getrunken [„Mukkefuk“, wie wir als Kinder sagten; d. Hrsg].

In Herbern gab es 1948 schon drei Jugendgruppen für Jungen.

Am 7. August fuhr eine der Gruppen unter der Leitung von Heinz Rogge ins Sauerland. Morgens um 6 Uhr wurden die Jungen von einem Trompeter geweckt, der mit dem Fahrrad durch das Dorf fuhr. Man muss bedenken, dass anders als heute nicht jeder einen Wecker besaß. Um 6.30 Uhr trafen sich die Jungen an Menses Mühle. Es waren 13 an der Zahl. Trotz leichten Regens wurde die Fahrt durchgeführt über Hamm, Werl, zum Möhnesee. Hatten unterwegs einige Platten und einen Kettenriss gehabt. So musste das eine Rad gezogen werden. Später brach noch ein Rahmen. Das Fahrrad wurde notdürftig zusammen gebunden. Hatten alle noch schlechte Bereifung und oft auch nur geliehene Fahrräder. Wir schlugen unsere Zelte auf, die aus alten Wehrmachtszeltplanen bestanden, und machten ein Feuer, um auch zu kochen. Plötzlich tauchten zwei Polizisten mit einem Hund auf und sagten, dass hier das Zelten und Feuermachen verboten sei. Sie verlangten meinen Pass und meinten, dass es gut sei, dass ich noch Jugendlicher sei. Doch plötzlich ein Schrei, der Hund der Polizisten war in eines der Zelte eingedrungen und hatte den mitgebrachten Kuchen eines der Jungen fast aufgefressen. Die Polizisten waren sichtlich erschüttert. Von einer Anzeige war keine Rede mehr. Sie wiesen uns in der Nähe eine Stelle zum Zelten an und wollten uns von ihren Frauen einen neuen Kuchen packen lassen, worauf wir aber großzügig verzichteten.

Nach einem Bad im Möhnesee schlafen gelegt. Zwei Wachen mit Ablösung passten auf die Fahrräder und Zelte auf. Am anderen Morgen um 7 Uhr war Wecken, danach Baden im See und Frühstück. Anschließend ging es in zwei Gruppen zu versetzten Zeiten in die hl. Messe. Dann wurde gekocht. Es gab Haferflocken mit Einlage. Aber der Hunger trieb es hinein. Nach dem Mittagessen wurden die Sachen gepackt und die Fahrt ging in Richtung Soest, fast immer bergab. Im Soester Stadtwald wurde gezeltet. Es wurde ein Zwölferzelt gebaut, also aus zwölf Dreieckszeltplanen. Abends am Lagerfeuer wurden Lieder gesungen und Witze erzählt. Zu essen gab es eine Suppe aus Kakao, Haferflocken, Nudeln, Pflaumen und Zucker, die allen gut mundete. Am anderen Morgen wurde die Rückfahrt angetreten. Bei Welver auf 500 Meter drei Pannen. Ein Fahrrad konnte nur noch mit einem Seil im Schlepp genommen wurden. Kurz vor Herbern wurden die Räder geschmückt und dann ging die Fahrt um die Kirche, bevor jeder nach Hause fuhr.

Wirtschaftlich ging es den Leuten immer noch nicht viel besser. Die Arbeit war knapp geworden. Zu Kaufen gab es fast alles, nur das Geld fehlte. Auch im September 1948 war immer noch nicht genug Fleisch vorhanden. So hatten wir schon zwei Sonntage kein Fleisch mehr bekommen, in der Woche sowieso nicht. Es gibt aber Pferdefleisch in Dosen, das aber auch nicht schlecht schmeckte.

8. Oktober 1948. Die Preise für ein drei Pfund Brot 80 Pfennige; 1 Zentner Kartoffeln 5,80 DM; 1 Zentner Weizen 20 DM; 1 Pfund Zucker 50 Pfennige; 1 Pfund Bohnenkaffee 24 DM; Eine Zigarette 16 bis 25 Pfennige.

Die Turmuhr bekam zu allen vier Seiten Zifferblätter. Bisher gab es diese nur zu einer Seite. Diese neue Uhr kostete 6000 DM. Sie wurde mit DM bezahlt.

17.10.48 Amts- und Gemeindewahlen. Die CDU gewann 9 Sitze, die SPD sechs Sitze und das Zentrum 2 Sitze.

Einigkeit im Amt- und Gemeinderat hieß es in der ersten Sitzung des neuen Rates, der im November 1948 in der Gastwirtschaft Bisping tagte. Nach der Vereidigung des neuen Rates schritt man sofort zur Wahl. Einstimmig wählte man den bisherigen Bürgermeister Bernhard Spetsmann (CDU) wieder. Dieser nahm die Wahl an und versprach, dass für ihn diese Einstimmigkeit ein Ansporn sei, auch in Zukunft dieses Amt nach dem Grundsatz „Treue um Treue“ zu verwalten. Ebenso einstimmig wurde Christoph Wessel (SPD) zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. Damals gab es eine Wohnungskommission, einen Siedlungsausschuss, einen Wohlfahrtsausschuss, eine Wege- und Wasserkommission, eine Rechnungskommission und eine Schuldeputation. Die Sitzung wurde von vielen interessierten Bürgern besucht. Am 2. Weihnachtsfeiertag spielte die Laienspielschar der KAB das Volksstück „Sehnsucht im Blut“ im vollbesetzten Saal der Gaststätte Tergeist.

Am Silvestertag wurde in den meisten Betrieben bis mittags gearbeitet. In diesem Jahr hatten die meisten noch selbst gebrannten Schnaps. Überhaupt wurde noch viel selbst gebrannter Schnaps und Likör getrunken, der seine Wirkung nicht verfehlte.

1.September 1950. Viele Bauarbeiter befanden sich im Streik. Wegen der allgemein angestiegenen Lebenshaltungskosten forderten sie eine Lohnerhöhung von 20 Pfennigen pro Stunde. So war der Preis von einem Kästchen Streichhölzer von 10 auf 20 Pfennige erhöht worden.

13.September 1950. Die Kreistierschau fand auf den Wiesen von Westerwinkel statt. Wie man erzählt, wurden hier auch von den Eltern die Paare verkuppelt.

22.11.1950. Buß-und Bettag. 8.30 Uhr hl. Messe für die Gefallenen. Abends Schützenvorstandsversammlung. Die Runden von Schnaps und Bier wollten kein Ende nehmen. Die meisten schwankten schon beachtlich. Überhaupt wurde viel Schnaps getrunken.

8.Dezember 1950. Maria Empfängnis war in Herbern ein Feiertag. In den Städten wurde aber gearbeitet.

12.12.1950. Die Kohlen waren knapp. Zu Weihnachten gab es erstmals wieder eine schöne Beleuchtung in den Städten. Die Geschäfte waren viel zu voll.

Weihnachten 1950. Schon um 4 Uhr morgens war die feierliche Ucht. Am 2. Weihnachtstag wurde das Theaterstück „Drei Tage Tottospauk“, ein plattdeutsches Theaterstück von der KAB-Laienspielschar aufgeführt.“

So weit die teilweise tagebuchartigen Aufzeichnungen von Heinz Rogge.