Marleen in Afrika
Ungelogen: Vier Kirchenmausfreunde unserer Gemeinde hatten Max und mich eingeladen, sie auf Fotosafari in Afrika zu begleiten. Ich machte einen Luftsprung vor Freude, aber Max malte mir in düsteren Farben alle möglichen Gefahren aus. -„Wir Kirchenmäuse gelten in Afrika nicht mehr als ein Fliegendreck", sagte er. „Außerdem habe ich einen empfindlichen Magen und vertrage keine fremdartige Kost. Und schließlich muss ja einer in St. Benedikt bleiben und das Haus hüten." bass er eine Heidenangst vor dem Fliegen hatte, erwähnte er nicht. „Du hast eine robustere Natur als ich, Marleen," meinte er . „Fahre also ruhig mit und erzähle mir nachher alles, was du erlebt hast." Ich gab Max einen Abschiedskuss auf die Nasenspitze, kletterte flugs in den Reiserucksack meiner besten Freundin, rollte mich in ihr seidenes Halstuch ein und wartete gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten.
Während des langen Nachtfluges schlief ich fest. Ich wachte erst auf, als meine Freunde nach der Landung in Afrika ein Auto für uns alle gemietet hatten. Vom ersten Tag der Reise an hockte ich innen vor der Frontscheibe auf einer weißen Papierserviette. Von da aus hatte ich die beste Aussicht auf die weite Landschaft, die sich vor uns auf tat. Tagelang holperten wir mit unserem Auto über holprige Schotterstraßen und ausgefahrene Sandwege. Immer wenn Zebras, Warzenschweine oder Giraffen auftauchten, klickten die Fotoapparate meiner Freunde, bis ich davon Ohrensausen bekam. Auf meinem Aussichtsplatz vor der großen Scheibe wurde ich heftig durchgerüttelt und einmal wurde mir speiübel, weil mir die afrikanischen Maiskörner im Bauch Beschwerden machten. „Die arme Marleen ist ganz £>lass um die Nase „, sagte meine beste Freundin teilnahmsvoll und tupfte mir einen Tropfen Kölnisch Wasser auf die Stirn. Allmählich kehrten meine Lebensgeister wieder zurück und wir tuckerten weiter auf einem schmalen Sandweg, der links
und rechts von dichtem Buschwerk gesäumt war.
Plötzlich tauchte aus einer Wegbiegung vor uns ein grau-schwarzer Koloss auf. „Ein Elefant!" rief unser Fahrer aufgeregt und stoppte das Auto, „Der kommt direkt auf uns zu!" Erschrocken starrten wir alle den mächtigen Elefantenbullen an, der unbeirrt mit gleichmäßigen Schritten geradewegs auf uns zusteuerte. „Was sollen wir machen?" „Rückwärts fahren!" „Zu spät!" „Jetzt bleibt er stehen!" Ungefähr drei Meter vor uns begann der Elefant nervös auf der Stelle zu tänzeln und wild mit seinen Riesenohren zu schlackern. Graue Staubwolken waberten durch die Luft. „Das ist ein Zeichen für Angriff", stieß meine beste Freundin hervor. „Jetzt ist es aus mit uns." Alle hielten den Atem an. „Marleen," sagte ich mir, „jetzt musst du handeln". „Lasst die rechte Seitenscheibe einen Spalt herunter", befahl ich mit fester Stimme. Meine Freunde taten, wie ich geheißen. Ohne lange zu
überlegen schnappte ich meine Papierserviette, kletterte damit auf" s Autodach und schwenkte sie wie eine weiße Fahne hin und her. Ich hoffte inständig, der Elefant würde dieses Friedensangebot verstehen.
„Ho, ho", sagte der Elefant und hörte auf, mit den Ohren zu schlackern. „Wer bist denn du?" „Ich bin Marleen", antwortete ich, „eine friedfertige Kirchenmaus aus St. Benedikt in Herbern. Von mir hast du nichts zu befürchten". „Ho, ho,“ sagte der Elefant wieder. „Ich sehe, du hast Mut, kleine Kirchenmaus. Das gefällt mir. Und hör endlich auf, mit dem albernen Tüchlein zu winken." „Wir haben großen Respekt vor dir, meine Freunde im Auto und ich“, erklärte ich ihm. „Aber sag mir doch, wo führt dein Weg dich hin?" „Ich bin unterwegs zu meiner Wasserstelle", sagte der Elefant, „und ihr steht mir im Weg." „Das lässt sich alles gütlich regeln", beruhigte ich ihn. „Wie heißt du eigentlich, Elefant?" „Ich habe keinen Namen"
antwortete der Elefant „und ich brauche auch keinen". „Warum nicht?" fragte ich erstaunt. „Wie nennen dich denn die anderen Elefanten?" „Andere Elefanten interessieren mich nicht", brummte er verdrossen. „Sie gehen mir auf die Nerven. Ich bin von Jugend an ein Einzelgänger gewesen. Ich will nur meine Ruhe haben". „Ja, wenn das so ist", meinte ich ein wenig ratlos. Wie kann jemand keinen Namen haben, dachte ich bei mir. Da fiel mein Blick auf eine rostrote Scharte, die von seinem rechten Auge abwärts verlief und nur von einer pergamentdünnen Hautschicht bedeckt war. „Sag mal", begann ich vorsichtig. „Hast du da eine Verletzung unter dem Auge?" „Blödsinn", brummelte der Elefant. „Das hat nichts zu bedeuten. Kommt nur vom Salz." „Vom Salz?" fragte ich ungläubig. „Das musst du mir erklären." „Hat wirklich nichts zu bedeuten", versuchte er auszuweichen. Aber ich ließ nicht locker, da musste mehr dahinter stecken.
„Komm, sag schon", beharrte ich. „Mir kannst du alles erzählen. Wir Kirchenmäuse sind von Haus aus verschwiegen." Unschlüssig trampelte der Elefant von einem Bein auf’’s andere und beäugte mich mit schräg gelegtem Kopf. „Ich bin es nicht gewohnt, über mich selbst zu sprechen", begann er nach einer Weile. „Bis heute hat mich auch noch keiner danach gefragt."
„Ich schon", erwiderte ich. „Warum willst du es wissen?" fragte er. „Weil wir uns begegnet sind", sagte ich. Verstohlen wischte sich der Elefant mit dem Rüssel über die Scharte unter seinem Auge. „Also", begann er nach einer Weile zögerlich. „Du darfst es aber niemandem verraten. Das Salz kommt von den Tränen." „Von den Tränen?" fragte ich ungläubig. „Hast du geweint?" „Das ist so", sagte der Elefant und machte eine längere Pause. „In den sternklaren Nächten schaue ich den Himmel an, und dann fühle ich, wie sich mein Herz zusammenkrampft vor Sehnsucht, und dann fließen die Tränen wie ein Bach, und ich kann nichts dagegen tun. Jetzt
kennst du mein Geheimnis." Ich sah, wie eine perlendicke Träne m seinem rechten Auge glitzerte und schaute zur Seite. Eine Weile schwiegen wir beide. „Deine Sehnsucht", begann ich zögernd wieder, „die muss ja tiefer sein als das Meer." „Ist sie auch", sagte der Elefant. „Ich sehe, wie jeder Stern umgeben ist von anderen Sternen. Sie haben sogar Namen. Manchmal scheint es mir, als zwinkerten sie sich gegenseitig zu wie gute, alte Freunde. Und dann spüre ich diesen Stich im Herzen", sagte er. „Ich habe keinen Namen und ich habe keinen Freund."
Der Elefant schniefte dreimal, dann quollen lauter salzige Tränen aus seinem rechten Auge und weichten die dünne Hautschicht auf, die sich über der rostbraunen Scharte gebildet hatte. „Armer Elefant!" dachte ich und überlegte, wie ich ihm helfen könnte. Da kam mir ein Gedanke. „Ich werde dir einen Namen geben", sagte ich und dachte
einen Augenblick nach. „Wie gefällt dir Augenstern?" „Oh, der Name ist wundervoll", sagte der Elefant und schlug
die Augen nieder vor Glückseligkeit. Dann ging ein Ruck durch seinen massigen Körper
und er sagte: „Jetzt muss ich aber verschwinden. Bis zu meiner Wasserstelle ist
es noch ein gutes Stück Weg." Dann schlug er sich seitlich ins Buschwerk,
tauchte nach ein paar Metern wieder hinter unserem Auto auf und trottete in gewohnter
Weise auf dem Sandweg weiter.
„Leb wohl, Augenstern!" rief ich ihm hinterher. Da
drehte er seinen gewaltigen Kopf noch einmal in meine Richtung und trompetete
mit erhobenem Rüssel: „Vergiss mich nicht, kleine Marleen!" „Wie könnte
ich!" rief ich zurück und winkte zum Abschied mit meiner weißen Serviette.
„Wo wir doch Freunde geworden sind!" Als er hinter der nächsten Wegbiegung
verschwunden war, schlüpfte ich wieder ins Auto zurück. „Marleen, du hast uns
gerettet", sagten meine Freunde mit bleichem Gesicht. „Wie hast du das nur
geschafft?" „Das ist mein Geheimnis“, antwortete ich. „Lasst uns jetzt
weiterfahren.“